Gehirnerschütterung durch 3D-Kino? 

Seit "Avatar" sind 3D-Filme aus unseren Kinos kaum mehr wegzudenken. Das Eintauchen in virtuelle dreidimensionale Welten ist für viele Kinobesucher ein Hochgenuss.

Aber rund einem Viertel aller Menschen bekommt diese virtuelle Räumlichkeit nicht. Mancher muss bereits nach wenigen Minuten das Kino verlassen, andere klagen nach dem Kinobesuch über Übelkeit, Sehstörungen oder Kopfweh - manchmal erst nach Stunden.

Was also passiert mit unseren Augen und mit unserem Gehirn während eines 3D-Filmes?

Dazu schauen wir uns erst einmal an, wie ein "Normalsichtiger" die reale Welt sieht:

Ganz egal, ob er sich Dinge anschaut die unmittelbar vor ihm liegen oder sich in weiter Ferne befinden, wann immer das Auge sich auf ein Objekt richtet, sorgt das Sehzentrum dafür, dass das jeweils aktuelle Objekt so scharf wie möglich gesehen wird und stellt die Augenlinse entsprechend ein. Jeder Wechsel zwischen Hintergrund und Vordergrund (siehe Grafik) führt sofort und völlig automatisch zum "Scharfstellen" unserer Augen. Das haben wir in den ersten Lebensmonaten ganz alleine gelernt und ist als "Autofokus-Funktion" fest in unserem Sehzentrum abgespeichert. Ein bestimmter Abstand eines Objektes erzeugt immer eine bestimmte Einstellung der Augenlinse. 

Im Vergleich zur realen Räumlichkeit nun die virtuelle Räumlichkeit des 3D-Kinos. 

Hier werden alle Bilder zunächst von einer speziellen 3D-Kamera aufgenommen. Diese Kamera erfasst für jedes Auge eine eigene Bildfolge. Es gibt also Bilder, die nur für das linke Auge und Bilder, die nur für das rechte Auge bestimmt sind. Mit Hilfe entsprechender 3D-Brillen bekommt im Kino dann jedes Auge nur die ihm zugedachten Bilder zu sehen. Unser Gehirn erschafft daraus eine Räumlichkeit, die dem räumlichen Sehen in der Realität sehr nahe kommt.

Es gibt nun einige Gründe, die beim 3D-Zuschauer zu Problemen führen können. Dazu gehören bekanntermaßen die oft schnellen Bild- und Perspektivwechsel, d.h. Actionfilme machen meist mehr Probleme als ruhige Naturaufnahmen.

Zu den Hauptproblemen beim 3D-Kino zählt der Unterschied zwischen dem realen und dem virtuellen Betrachtungsabstand.

Wie in der Grafik sichtbar, ist der Abstand der Augen zur realen Leinwand während der Vorstellung (nahezu) immer gleich. Die Augenlinsen sind darauf eingestellt. Unabhängig davon versucht das Sehzentrum nun immer dann, wenn das betrachtete Objekt sich in einem scheinbar anderen Abstand zum Auge befindet als die Leinwand, die Linseneinstellung zu korrigieren. Das wiederum verschlechtert unmittelbar die Sehschärfe und die Linseneinstellung wird sich entgegen aller bisherigen Seh-Erfahrungen wieder an der Leinwand orientieren. Dieser Vorgang läuft wie eine mehrfache Rückkopplung meist in Sekundenbruchteilen ab und bedeutet für das Sehzentrum enormen Stress.

Ein weiterer Umstand, der zu heftigen Problemen führen kann, wird in folgender Grafik verdeutlicht:

Es gibt wohl keinen Film, in dem Kameraleute nicht mit der sogenannten Tiefenschärfe arbeiten. Das heißt, dass in einer Filmszene der Fokus (die Schärfe) möglichst immer auf die Handlungsebene gelegt wird. Meist der Bereich, in dem die gerade agierenden Schauspieler zu sehen sind. Alles was vor oder hinter dieser Handlungsebene liegt, wird in die Unschärfe gelegt. Es kann später auch nur unscharf wiedergegeben werden.

Im herkömmlichen (Nicht-3D-)Kino ist das wichtig, um die Aufmerksamkeit des Zuschauers nicht in Details am Rande abschwenken zu lassen. Und natürlich spielen dramaturgische Gründe auch immer eine sehr große Rolle.

Werden einem Zuschauer aber genau solche Bilder in 3D angeboten, dann befindet er sich (zumindest für das Sehzentrum in seinem Gehirn) ab diesem Moment in einer räumlichen Welt. Das Auge wird nun ganz natürlich auch von der Handlungsebene mal zu den Objekten im Hinter- oder Vordergrund schweifen. Wechselt der Betrachter im Bild oben den Blick von der Handlungsebene in den Hintergrund, dann beginnt das Sehzentrum augenblicklich dafür zu sorgen, dass "das da hinten" auch scharf gesehen wird. Nur hat es da die Rechnung ohne den Kameramann gemacht. Augen und Sehzentrum können nämlich machen was sie wollen, dieser Hintergrund ist definitiv nicht scharf zu kriegen. 

Wer einmal seine Fotokamera zwecks Aufnahme auf ein unscharfes Objekt gerichtet hat, der kennt dieses nicht enden wollende Geräusch des kleinen Motors, der für den Autofokus zuständig ist. Die Steuerung in so einer Kamera ist hoffnungslos damit überfordert, das anvisierte Objekt scharf zu bekommen. Sie hat quasi "Hochstress" aber keine Chance. 

Und genau das gleiche passiert im Sehzentrum unseres Gehirns und der gesamten Augenmuskulatur, wenn der Blick auf den unscharfen Hinter- oder Vordergrund wechselt. Durch die nun in Sehzentrum und Augen ablaufenden und gleichsam chancenlosen Korrekturversuche findet eine Belastung statt, die zig mal größer ist als beim räumlichen Sehen in der realen Welt.

Wer nun im Kino auf seine eventuelle Übelkeit sofort reagiert und nach draußen geht, der hat Glück. Wer aber einen 3stündigen 3D-Film unter dem beschriebenen Gehirnstress durchhält (die Eintrittskarte war schließlich teuer genug), muss damit rechnen, dass sein Sehzentrum in diesen 3 Stunden etwas "umprogrammiert" wird. Das macht sich dann in der realen Welt sehr schnell bemerkbar, wenn nämlich nach dem Kinoabend nicht erklärbare Unschärfen beim Sehen, Doppelbilder oder Schwindel auftauchen.

Wie schon erwähnt, die hier beschriebenen Probleme werden von etwa einem Viertel der Menschen unmittelbar wahrgenommen. Inwieweit die drei anderen Viertel Schaden nehmen könnten, lässt sich ohne spezielle Untersuchungen nicht sagen. Eine überhöhte Beanspruchung des Sehzentrums und der Augen findet aber in jedem Falle statt.

Natürlich hat es auch die Filmindustrie mitbekommen, dass es immer wieder Menschen gibt, die eine 3D-Vorstellung nach kurzer Zeit verlassen und nie wieder in eine solche hinein gehen. Verlorene Kunden müssen also zurück geholt werden.

Bekannt ist: Menschen mit einer 3D-Kino-Unverträglichkeit haben oft auch mit der bislang üblichen Bildfrequenz im Kino von 24 Bildern pro Sekunde Probleme. Insbesondere dann, wenn beide Faktoren gleichzeitig wirken. Hierauf wurde nun reagiert. 3D-Filme der neuesten Generation haben eine Bildwechselfrequenz von 48 und weitere Steigerungen sind geplant. Menschen, denen zuvor direkt während der Vorstellung übel wurde, reagieren nun verzögert. D.h., sie können sich die 3D-Vorstellung zwar ohne große Probleme bis zum Ende anschauen, aber innerhalb eines Zeitraums von bis zu 24 Stunden nach Filmschluss können Symptome auftreten, die denen einer Gehirnerschütterung entsprechen: Kopfschmerzen, Schwindel, Erbrechen. 

Die wenigsten der davon Betroffenen stellen einen Bezug zum Kino her - da war doch noch alles gut - sondern tippen dann eher auf den Snack nach dem Kino, der wohl verdorben gewesen sein muss.

©  Peter Scharf 2013

Übrigens:
Synergetische Innenweltreisen sind immer in 3D ! 
Statt einer Brille gibt es hier eine Augenbinde und der Blick geht nach innen.
Dort gibt es fantastische Dinge zu entdecken,
ohne dem Sehzentrum Stress zu machen!